ueber Kunstakademien
Da ich mich schon des Oefteren, wohl zu plakativ, kritisch ueber das Studieren an einer Kunsthochschule geaeussert habe, moechte ich hiermit klarstellen, was genau mich stoert. Und: Warum es mich stoert. Oft ist mir vorgeworfen worden die Kritik entspraeche meiner Aussenseiterrolle innerhalb der Hochschule, und sei wenig sachlich fundiert. Dieses Fundament will ich mit diesem Text bauen. Zunechst moechte ich jedoch einschraenken, dass sich meine Ausfuehrungen hauptsaechlich auf die HGB (Hochschule fuer Grafik und Buchkunst) in Leipzig beziehen, und dort auf den Studiengang Malerei, wo ich als Student tief greifende Einblicke habe. Meine Erfahrungen bestaaetigen jedoch, dass sich meine Kritik sehr uebergreifend sowohl auf andere Hochschulen als auch auf andere kuenstlerische Studiengaenge wie Literatur, Musik oder Schauspiel anwenden laesst.

1. Kunsthochschule und Manipulation

Es entsteht Druck durch die Moeglichkeit beim Diplom oder Vordiplom durchzufallen. Sehr einfach dem Druck entziehen. Indem man sich anpasst und das macht was die Proffessoren gut finden (kopieren). Und so nie Gefahr laeuft sein Diplom womoeglich nicht zu bekommen. Jeder Mensch hat eine Meinung, und sollte diese vertreten, aber in Verbindung mit Macht muss man gerade in der Kunst noch sensibeler umgehen.

2. Kunsthochschule und Kunstmarkt

Kunst und Kunstmarkt sind zwei verschiedene Dinge, die nichts miteinander gemeinsam haben. Die Hochschulen sind auf den Kunstmarkt fokussiert. Dies beinhaltet eine ungeheuer grosse Einschraenkung in der Diskussion um Kunst. Es geht um Macht, Geld und Ruhm. Das Verhalten der Hochschule erklaert sich auch daraus, das sie ihrerseits dazu verpflichtet ist ihr Budget zu rechtfertigen. Und da ist es natuerlich super, wenn man viele Schueler hervorbringt, die wahnsinnig teuer Bilder verkaufen, und in der Kuenstlerrangliste ganz weit oben rangieren. Noch Mal: Kunst und Kunstmarkt sind zwei verschiedene Dinge, die nichts miteinander gemeinsam haben. Deswegen sollte man sie auch nicht zusammenbringen. Erst recht nicht mitten im Atelier.

3. Kunsthochschule und Zeit

Die kuenstlerische Entwicklung eines Menschen ist zeitlich unabhaengig. Zeit ist relativ. 2 Jahre Grundstudium, 3 Jahre Hauptstudium ist der festgelegte Zeitplan. Bedeutet das: 5 Jahre und dann ist jeder Student Kuenstler? Jedenfalls hat dann jeder ein Diplom 'bildender Kuenstler'. Kuenstler sind leider nur die aller wenigsten. Die Kunsthochschule traegt meiner Meinung nach wesentlich dazu bei das der Begriff Kuenstler an Wert verliert. (Ich schlage aus diesem Grund vor einen neuen Begriff zu finden, fuer den Kuenstler, wie ich ihn verstehe. Zum Beispiel: Das Wort 'Robbe'. (Mit dem Diplom 'bildender Kuenstler' kann man sich getrost den Hintern abwischen.) ((Und selbst dafür gibt es geeignetere Papiere. :-)))

4. Kunsthochschule und Raum

Leider hat die Kunsthochschule auf viele junge kuenstlerisch interessierte eine Sogwirkung. Das liegt zum einen aufgrund der Hoffnungen die mit ihr verbunden sind zum anderen liegt es an dem Druck der Gesellschaft irgendwo eingebunden zu sein. Eine wichtige Rolle spielt auch das durch die Medien verzerrte ins unertraeglich uebersteigerte Bild welches die Hochschule nach aussen hin durch die Medien verkoerpert. Dieser Sog zerstoert Raeume die ausserhalb der Institution liegen. Er beschraenkt auch die Moeglichkeit fuer ein entstehen anderer Kunstraeume. Aus Sicht des Kunstmarktes ist dies wiederum Prima. Man hat alles geballt an einem Fleck, und der interessierte Kaeufer oder Galerist brauch bloss nehmen, was er vorgegart und vorgekaut bekommt. Einfacher und schonender kann man es kaum servieren. Fuer die Kunst-schaffenden beinhaltet dieser Raumsog allerdings eine Kette von Problemen: Kunst ist viel mehr, als das, was man an der Oberflaeche eines Bildes sehen kann. Vieles ist nur als Schwingung im Raum vorhanden. Fuer solche sehr komplizierten und oft langwierigen Erkenntnisprozesse ist die Kunsthochschule der falsche Ort. Ist man aber ausserhalb der Hochschule, wird das moegliche vordringen in neue Welten und Dimensionen der Kunst erschwert, da geistige Raeume durch den Sog der Hochschule geschlossen worden sind. Meiner Meinung nach schoepft jeder wirklich tiefe Kuenstler zu grossen Teilen aus sich selbst heraus. Innerhalb der Kunsthochschule wird dieser Zugang erschwert. Ausserhalb ist es schwer mit den moeglicherweise errungenen Erkenntnissen ernst genommen zu werden. Leider kann Kunst nur wirken, wenn sie auch gesehen wird. Somit steht der Kuenstler im Konflikt. Die Aufmerksamkeit der Oeffentlichkeit reicht lange nicht fuer alle und jeder wird mir wohl bestaetigen, dass es erheblich schwerer ist, und viel groessere Anstrengungen bedarf in der Oeffentlichkeit als Autodidakt anerkannt zu werden. Dagegen fallen alle anerkennend in Applaus, wenn man nur erwaehnt Kunst an einer renommierten Kunsthochschule zu studieren, was an sich ueberhaupt nichts bedeutet. Das bedeutet nur einer von vielen zu sein, die offensichtlich nichts besseres zu tun haben. (Ich selbst bin nur eingeschrieben.)
Bei Immatrikulationsveranstaltungen wird gepredigt: 'Ihr alle. Ihr alle habt es geschafft!! Ihr habt es geschafft Teil dieser Hochschule zu sein. Ihr habt euch gegen hunderte. nein. gegen tausende. Nein. Gegen hunderttausende anderer Bewerber durchgesetzt. Ihr seit diejenigen, die angenommen worden sind, und habt damit ueberdurchschnittlich hohes Talent bewiesen.' ..Noch seit ihr zwar noch nicht so richtig die Kunstmarkthelden aber wenn ihr hier aufpasst und die Regeln befolgt und schoen artig seit dann wird auch das noch. (Spaetestens zum Diplom)...und das NUR, weil ihr jetzt hier seit...' Hey scheisse Kommilitonen. Jemand der sowas schwafelt gehoert ausgebuht. Aber ohne Ende ausgebuht. Darf ich hier etwas sehr wichtiges sagen: Malerei ist wichtig. Bilder sind wichtig. Nicht die Hochschule.

Die suggerierte Wichtigkeit Der Hochschule beguenstigt eine kuenstlerische Monokultur. Sie erschwert die Freiheit des Gedankens.

5. Werden und Sein innerhalb der Kunstakademie

Vom Saeugling bis zum Kreis. Man ist, und man wird. Beides zugleich. So lange man lebt. In der Kunstakademie aendert sich das auf seltsame Art und Weise: Ich begann zu studieren und wurde als Werdender behandelt. Ausstellungen die ich waehrend des Grundstudiums machte wurden von Professoren und Mitstudenten missbilligt mit der Begruendung: Ich sei noch im Grundstudium und duerfe mir deshalb noch keine kuenstlerische Meinung 'einbilden' und nach aussen tragen, die doch erst waehrend des Studiums an der Hochschule entstehen soll. Gedankengut in Form von eigener, freier Malerei wurde nicht anerkannt. Stattdessen wurde man dessen gedemuetigt. Saetze wie: 'Was soll den das sein?' oder: 'Das ist ja ueberhaupt nichts!' hoerte ich nur zu oft bei Besprechungen meiner Arbeiten. Man wurde genoetigt moeglichst exakt nach den Vorstellungen der Lehrenden zu zeichnen. Es ging im Grundstudium ueberhaupt nicht um Bilder. Es ging nicht um Malerei, sondern nur darum, ob der Professorin deine Arbeiten gefallen oder nicht. Maximal koennte man sagen es ging um Handwerk. Darum ob Bilder konform sind oder nicht. Da ich fuer mich mit der Einsicht, dass die Bildauffassungen meiner Professoren ueberholt und langweilig sind, entschieden habe diese nicht zu teilen, hatte ich es sehr schwer. Aufgaben die gestellt worden versuchte ich in meinem Sinne so zu loesen, dass ich kuenstlerisch etwas davon hatte. Was ein erfuellen der Aufgabe in meiner Bildsprache war, wurde als nicht erfuellen der Aufgabe und als weigern die Aufgabe anzunehmen gedeutet. Das Nichtverstaendnis meines Anders-seins und meines Seins wurde als Provokation aufgefasst, fuer die ich ueberhaupt nichts konnte. Durch die verfremdliche Reduzierung des Individuums auf einen rein werdenden Aspekt ging das Grundstudium kuenstlerisch unglaublich an mir vorbei. Es endete in einem Konflikt zwischen mir und den Lehrkoerpern der darin muendete, dass mir bereits im ersten Semester oeffentlich vor der ganzen Klasse mit Rausschmiss gedroht wurde. Ich weiss nicht mehr genau wie oft man mir schon mit Exmatrikulation gedroht hat. (Ich habe frueh aufgehoert mitzuzaehlen). Aber grob geschaetzt bis heute an die 20 mal. (Irgendwann faengt man an dieses Prozedere von Aussen zu betrachten und findet es zunehmend amuesant. Ich habe auch hier versucht das Beste aus der Situation zu machen, und trainierte mich im Streiten.) Was verfolgten wohl die Professoren mit den Rausschmissdrohungen?...
Mit dem Vordiplom vollzog sich seitens der Lehrkoerper dann der rasche Uebergang zum Seienden. Da es ploetzlich so war, dass man eigenstaendige Arbeiten brauchte, hatte ich in dieser Richtung keine Probleme mehr. Diejenigen die besonders 'gut' waren waehrend des Grundstudiums mussten sich in einem Vierteljahr eine kuenstlerische Identitaet zu legen. Sowas kann. Nein muss in der Kuerze der Zeit schiefgehen. Obwohl mir glaubhaft versichert wurde, dass es wahrscheinlich ist, dass ich das Vordiplom nicht schaffen wuerde, stellte man meine Arbeiten am zentralsten und prestige traechtigsten Ort der Hochschule aus, waehrend die 'guten' Studenten in der dritten Etage in versteckten Zimmern 'haengen' durften. Im Hauptstudium: Das selbe Problem, nur anders: Die Exmatrikulationsdrohungen sind seltener geworden. Auch wenn es von seiten der Hochschule so aussieht als ob das Diplom fuer mich schwierig wird. Warum wird es Schwierig, frage ich mich. Antwort: Es geht nicht um Bilder. Es geht nicht um Malerei. Es geht stattdessen um Darstellung des Seienden. Es geht um Kunstmarkt und um die 'Ehre' der Professoren. Mein Diplom ist deswegen in Gefahr, weil ich male, wie niemand sonst hier malt. Und weil meine Bilder so ueberhaupt nicht nach Leipzig passen. Und: Weil meine Bilder im Kunstmarkt zur Zeit keinen Platz haben. Weil es in Leipzig keinen Raum fuer rhythmische Malerei gibt. Ach und weil die Professoren anders malen, und denen die Art wie sie selbst malen besser zusagt.

Resume

Ich komme zu dem Schluss, dass die Kunstakademie den Anspruechen von Kuenstlern leider nicht gerecht wird. Nicht nur das: Die Kunstakademie ist Element moderner perverser Massenmanipulation. Sie spuelt Kreativitaet verringernden Muell in die Koepfe der Studenten: Foerdert keine Individualitaet, und produziert als verlaengerter Hebel des Kunstmarktes leisetreterische Schoepfer unwesentlicher Dinge.
Als Konsequenz ziehe ich die Forderung die Kunsthochschulen abzuschaffen. Man koennte ja dann stattdessen Obdachlosenheime in den ehemaligen Hochschulen errichten. Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass man Kunst foerdern sollte. Moeglichkeiten zum Herstellen von Druckgrafik fuer alle. Mehr unkommerzielle staedtische Galerien. Oeffentlichkeitsarbeit zur Vermarktung des Kunstgedankens. Schaetzen lernen von kuenstlerischen Eigentum. Ein wuerdevolles Leben fuer Kuenstler....usw. Das gute an Kunsthochschulen ist, dass man Zeit hat und Bafoeg beantragen kann. Das schaetze ich hoch an Ihr. Es gibt tolle graphische Werkstaetten. Ueberall da wo es nicht um Kunst geht, eben wie in den Werkstaetten um Handwerk, da hat mich die Hochschule weitergebracht. Der Anspruch Kunsthochschule zu sein geht ihr aber voellig ab. Es wuerde schon viel helfen diesen wahrscheinlich utopischen Anspruch zu senken. Vorschlag: Umbenennung der HGB in VeHGB (Versuch einer Hochschule fuer Grafik und Buchkunst). Zumindest sollte man unbedingt das Diplom und Vordiplom abschaffen. Es aehnelt zu sehr einer Farce. Ich frage mich wie man es ueberhaupt ernst nehmen kann. Das muss man nicht und sollte man nicht tun. Stattdessen den Blick auf das wesentliche lenken und den Versuch unternehmen sich einer eigenen Aussage zu naehern.

Peter Piek, Juli 2006 (Auszug aus einem Brief an Michal Goller)